8.9.09

Dienstag

Schon wieder Alptraum.
Ich komme nach Hause, trete durch den Flur und merke, dass etwas nicht stimmt.
Ich gehe ins Schlafzimmer. Mein Bettgestell ist weg, die Matratze auch. Nur das grosse Daunenduvet liegt ausgebreitet auf dem Boden, die beiden Kopfkissen auch, so als läge alles aufgeschüttelt und ordentlich auf der Matratze, nachdem

Nanine das Bett gemacht hat. Darüber ist eine grosses leinenes Tuch gelegt, als decke man die Möbel eines kürzlich Verstorbenen ab, bevor die Wohnung aufgelöst wird.Und an der Wand gegenüber der Bettstatt lehnt ein Kreuz. Es ist aus rohen, billigen Latten dürftig zusammengezimmert.
Ich gehe alarmiert ins Boudoir. Dort bin ich plötzlich gemeinsam mit diesem Armand. Wir sehen zunächst nichts ungewöhnliches, bis Armand mich auf ein paar, flauschige Federbüschelchen aufmerksam macht, die an Dartpfeilen in der Wand stecken. Armand schiebt eine Feder zur Seite und dahinter steht mit Tinte an die Wand geschrieben: DU BIST KEIN CHRIST.
Mir wird angst und bange, nun finde ich überall die Zeichen, in der Küche lehnt auch ein Kreuz, auf dem Spiegel im Bad steht mit meinem Lipliner von Sïssley geschrieben: SCHLAFE.
Ich laufe aus dem Haus, gehe in eine merkwürdige Einkaufsmeile und suche mein Bett. Ich denke, das war doch so teuer, ausserdem brauche ich es, in verschiedenen Läden frage ich, ob es dort abgegeben wurde. Ich suche und suche und renne immer schneller, werde immer panischer

Dann bin ich aufgewacht.




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7.9.09

  

Verlasse volltrunken den Ratskeller - und es schneit. Denke augenblicklich an Maman und ihren Kummer mit frühem Schnee im Herbst, fühle mich schuldig, auch heute noch, und denke, ich kann doch gar nichts dafür. Ich habe ihn weder bestellt noch zu verantworten, und ich leide nicht weniger, als sie gelitten hat! Ich übergebe meine Austern der Kloschüssel, sie sind blutrot und in Stückchen gehackt. Erniedrigt vor mir selbst. 


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6.9.09


Traum. 

Bin mit Prudence, Graf  G., Gaston, Baron von R., dem jungen Mann namens Armand, der mich vor Wochen einmal becirct und seine Liebe gestanden hat und allen übrigen üblichen Verdächtigen auf einer Party.

Wir stossen mit unseren Gläsern an und beim Trinken merke ich, dass mein Glas zerbrochen ist und ich nur noch den Stil mit ein paar spitzen und scharfen Kelchresten in der Hand halte. Ich merke, dass mein Mund voller Splitter ist und versuche sie vorsichtig auszuspucken, um mich nicht zu verletzen. In meinem Mund sind aber viel mehr Splitter, als dort von einem Glas sein könnten. Schliesslich klaube ich mir mit Zeigefinger und Daumen Stücke von orangefarbenen Rücklichtern eines Autos und immer wieder zarte Stücke des Weinglases aus dem Rachen. Ich spucke zwei Mini-Brillen-Gläser mitsamt Fassungen aus dem Mund. Ein kleiner Splitter klemmt mir hartnäckig quer im Rachen und ich weiss, ich darf nicht schlucken, weil ich mir sonst die Hauptschlagader durchtrenne. Ich suche das Stück mit den Fingern, vor allen Leuten und kann mich nicht erklären.


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5.9.09

Sonntag

Ein kalter Vorherbst. Von vorne wärmt die Sonne, als wäre nichts gewesen, von hinten kriecht die Schneekönigin unter meine Wäsche und stanzt Eiskristalle in mein Herz.

 


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4.9.09

Ich kann kaum atmen. Doktor Rotwein hat mir ein Asthmaspray gebracht, das für die Füchse ist. Ich sterbe. Ich kann nicht mehr. Ich werde sterben. Wie alle. Und gleichzeitig rauchen.

Von R. hat mir ein schriftliches Angebot gemacht: getrennte Wohnsitze, 12'000 Franken Unterhalt, monatlich plus 2'000 Franken Spesen; Soirées extra (Bezahlung variabel). Für Apanage Einmalzahlung von 125’000. Meine Schulden wären damit zumindest gestundet.

Die Schere kam gesondert als Express-Päckchen, gewickelt in kamelbraunes Kaschmir, geschnürt mit fliederfarbenem Band aus Crêpe de Chine.

Was tun?


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Ich kann kaum atmen. Doktor Rotwein hat mir ein Asthmaspray gebracht, das für die Füchse ist. Ich sterbe. Ich kann nicht mehr. Ich werde sterben. Wie alle. Und gleichzeitig rauchen.

Von R. hat mir ein schriftliches Angebot gemacht: getrennte Wohnsitze, 12'000 Franken Apanage par mois, Soirées extra (Bezahlung variabel); monatlich 2'000 Franken Spesen. Für Exklusivität Einmalzahlung von 125’000. Meine Schulden wären damit zumindest gestundet. Die Schere kam gesondert als Express-Päckchen, gewickelt in kamelbraunes Kaschmir, geschnürt mit fliederfarbenem Band aus Crêpe de Chine.

Was tun?


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2.9.09

Seine Scham ist grau und licht - und von unendlicher Seidigkeit. Seine Hoden haben die Grösse von Lytschi-Kernen, die sich in ihrem Säckchen aus samtweicher, aber welker Haut verborgen halten. Sie haben sich von seinem Schaft entfernt, der - gekrönt von einer zeitlos vollkommenen Eichel, aus der kein Tröpfchen zu gewinnen war - bloss und erschöpft auf seiner dünnen Matratze aus gelocktem Haar ruht. Die Hoden umrahmen ihren Schaft wie zwei greise Diener, die gemeinsam mit ihrem Herrn alt geworden sind und alles wissen. Nur ein wenig haben sie Abstand genommen, als bäten sie um Ruhestand, wie sie da liegen. Als lächelten sie im Schlummer. Sie sind ihm zugewandt; versichern ihm, dass sie auf immer bei ihm sind, trotz tiefer Müdigkeit vor endgültigem Schlaf.


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1.9.09

 

G. ist zurück. Von R. ist gegangen. Am Samstag schon.

Heute morgen haben mich die Amseln geweckt. Sie haben gesungen, als würden sie mich auslachen. Fleur hat geschrieben, sie hat sich ein Kleidchen bestickt mit kleinen gelben Kücken und vielen Margeriten (!) und einem blauen Haus. Sie hat Krach mit Henri, weil sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat und will jetzt zu mir ziehen. Die Süsse. Bei mir ginge sie in eine schlechte Schule, la mala educacion... ist das nicht ein Film?

Von R. hinkt stark. Er hat ein Hüftleiden, eine Kriegsverletzung sagt er. Er hat eine hohe Stirn und eine feine Nase, volles, fast weisses Haar und trägt feinstes englisches Kaschmir. Massgeschneidert. Er hatte am Freitag eine Suite im Baur au Lac reserviert. Mit einer Limousine sind wir vorgefahren. Der Portier hat mich erkannt, aber dicht gehalten, ich bin ihm ewig dankbar.

Vor dem Himmelbett stand eine Spanische Wand. Er hat mich aufs Bett gesetzt und sich hinter die Spanische Wand zurückgezogen und mich gebeten, mich auszuziehen. Er bat mich, es langsam zu tun, Stück für Stück, von unten nach oben. Ich habe meine neuen Weitzmann-Stiefelchen langsam aufgeschnürt und von meinen Füssen gestreift. War, glaub, ein bisschen ungelenk. Er bat mich, dabei leise ein Lied zu summen. Mir fiel nur Abendstille überall ein; hat Maman mit uns gesungen. Er hat den Kanon angestimmt! Musste gleich wieder heulen. Dann habe ich versucht, den Reissverschluss von meinem Rock aufzuziehen. Die Bluse hat sich darin verhakt. Ich hab gezerrt und gerüttelt, j’étais ridicule! Schliesslich ist er aufgegangen (Loch in der fliederfarbenen Bluse) und ich habe ihn auf den Boden gleiten lassen. Schön sah er aus, wie er da so lag, der Rock, kamelbraunes Kaschmir mit einem violetten Innenfutter (von Etro). Ich wollte die Reste der Bluse aufknöpfen, aber er hat hinter der spanischen Wand in der Abendstillemelodie gesungen: e-erst die Strü-ü-mpfe, u-un-bedingt. Ich sollte die Strumpfhalter nicht lösen, sondern mit dem linken Zeigefinger unter den rechten Strumpf fahren und mit dem rechten Ringfinger - an dem mein Amethyst prangte - unter den linken Strumpf und dann langsam mit den Händen hinterher bis zu den Knöcheln. Hab ich gemacht: linker Strumpf kaputt - und ich, wie ein kleines Paket auf dem Bett mit gekreuzten Armen gefangen in meinen Strümpfen - klappe vornüber auf den flauschigen Teppich! Da lag ich dann, mein rechtes Jochbein brannte wie Feuer vom Kuss mit dem Teppich. Ich sah wahrscheinlich ein bisschen so aus, wie La Danaïde von Rodin. Mit Selbstfesselung. Dann bat er mich nicht mehr, sondern befahl mit sanfter Stimme, meine Augen zu schliessen. Ich gehorchte. Ich hörte, wie er hinter dem Paravant vorhinkte und sich über mich beugte. Mit einem nach Endymion von Penhalligon duftenden, leinenen Taschentuch verband er mir mit geübten Fingern die Augen. Dann hinkte er wieder hinter den Paravant und war minutenlang nicht zu vernehmen. Kein Atmen, kein Seufzer, nichts. Nach einer Ewigkeit hörte ich ihn wieder in meine Richtung hinken. Mit einiger Mühe begab er sich auf die Knie. Dann wieder Stille. Ich bekam am ganzen Leib Gänsehaut, als läge ich wie letzte Woche im Fieber, meine Nackenhaare stellten sich auf, Schweisströpfchen perlten auf meiner Oberlippe. Ich konnte nicht mehr orten, wo Tür und Bett und Fenster waren. Stille. Dann kaltes, hartes Metall auf meinem Steissbein, das mir der Wirbelsäule entlang bis hoch zum Nacken fuhr. Mich durchfuhr ein Schauer, dass mir die Zähne klapperten. Er zerschnitt mit einer Schere erst meinen String, dann meine Bluse. Mühelos haben sich die Klingen durch den Crêpe de Chine gegraben, sie müssen unglaublich scharf gewesen sein.


Bin müde. Morgen den Rest.

 


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30.8.09

zwei Tage ohne Alkohol - Mon Dieu. Heut trink ich eins. Ruhe und Stille in meinem Reich. Ich liege wie der Herrgott mich geschaffen hat zwischen meinen kühlen Laken und ein später Sommer blitzt durch die zugezogenen Vorhänge ins Zimmer; in den ausgeschnittenen Kreisen werden die Kristalle durch das leise Lüftchen, das herein weht, bewegt; die  Sonnenstrahlen brechen sich in ihnen und werfen tausende flirrende Prismen auf mein Bett und an die Wände. Allerliebst. Unten am Fluss höre ich die kleinen Kinder, wie sie mit Kieseln die Enten bewerfen und sich freuen wie Schneekönige, wenn diese wütend schnatternd davon fliegen. Meine Gedanken fliegen auch. Bin allein und froh damit. 

Hab heut ein Gedicht von John Berger gelesen:

 

Wunderbar eine Handvoll Schnee im Mund

der Männer, die Sommerhitze leiden.

Wunderbar das Frühlingswehen

für Seeleute, sehnsüchtig, Segel zu setzen.

Und noch wunderbarer das gemeinsame Laken

über zwei Liebenden in einem Bett

 

Schön.

 


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29.8.09


Sonntag

Er hat meine Hände genommen, noch bevor ich mir selbst das feine Kalbsboxleder von den Fingern ziehen konnte und die Handschuhe mit einem geübten Handgriff abgestreift. Er hat mir vollendet die Hand geküsst. Er hat mich und sich, trotz Gehstock mit Silberknauf, zum Tisch balanciert. Er hat auch meinen Mantel im Vorübergehen von meinen Schultern gestreift und dem Kellner in den Arm gedrückt. Er hat mich auf dem Chippendale-Fauteuil unter dem blauen Chagall placiert. Er hat mit blitzenden Augen offen in mein Gesicht geschaut; ohne Wertung, ohne Anzüglichkeit, ohne Geilheit. Er sagte ansatzlos "Madame, Sie sehen müde aus, erschöpft. Mürbe wie ein kleines Kind nach zu langem Spiel, Sie brauchen Ruhe, Schlaf und Tränen. Fürchten Sie sich nicht, weinen Sie." Ich habe sofort losgeheult. Er hat Tee bestellt.


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25.8.09

Mitwoch  7 Uhr

Gütiger Gott! Sehe aus wie Zombie. Kann kaum aus meinem rechten Auge schauen. Eine riesen Schwellung, raue Haut auf beiden Unterlidern. Bin in totaler Panik. Fühlt sich an, als wäre ich beim Zahnarzt gewesen. Dabei habe ich kein Tröpfchen getrunken. Vielleicht kommt das vom Codein? Oder von der neuen Kanebo-Augencreme? Maman, hilf mir, mon Dieu! So kann ich nicht aus dem Haus, geschweige denn in die Kronenhalle morgen! Was mach ich bloss. Maman hatte immer Augentrost, das hat sie in kleine Leinensäckchen gelegt, das sie aus alten Laken genäht hat, weil der Stoff dann besonders fein und mürbe war. Und darauf stickte sie kleine Augen in den verschiedenen Farben unserer Augen, zwei mal braun, zwei mal grün, mit Wimpern und Pupillen. Und einem weissen Fleck in der Iris, dass man wirklich geglaubt hat, das Licht spiegle sich darin. Und so hatte jeder sein Säckchen. Meines hatte das grünste Auge und die längsten Wimpern. In die Ecke hat sie noch ein kleines Krönchen mit meinen Initialen gestickt. Comme elle me manque. Und dann musste ich mich aufs Bett legen, die Augen schliessen und sie legte mit ihren warmen trockenen Händen das duftende Säckchen auf mein Gesicht und hat mich getröstet mit Kräutern und ihrer warmen Stimme. Ich musste 20 Minuten still halten, was schwierig war.

So kann ich doch nicht bei Trois Pommes reinschauen. Muss sofort zu Dr. Rotwein!

Nachmittag

Dr. R., dieser Idiot! Hat ein bisschen in meinem Gesicht rumgefummelt, die Lider hoch und runter gezogen, irgendwas von Allergie gefaselt, aber das könne er auch nicht genau sagen, dazu seien umfangreiche Tests nötig. Ob ich eine Katze hätte. Ja, meinen Kater Carlo, hab ich gesagt. Dann müsste ich mich von ihm trennen, zumindest vorübergehend. Nur über meine Leiche! hab ich geschrieen und die Tür geknallt. Seine Vorzimmerdame hat ziemlich blöd aus der Wäsche geguckt. Er kam hinterher gestürzt und hat mich beschwichtigt, dann waren wir Mittagessen bei Donati. Risotto und Seezunge in Zitrone. Ich sass mit meiner Fliegen-Sonnenbrille von Gucci im Eckchen und habe gewütet. Kater Carlo weggeben!


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23.8.09

Montag

Wittere langsam Morgenluft.  Meine Bronchien haben sich beruhigt, das Codein von Dr. Rotwein alias Dr. R. tut seine Wirkung. Hab schon drei Zigaretten geschafft. Freitag kommt Baron von R. angereist. Wir treffen uns um 17 Uhr in der Kronenhalle. Er hat wieder einen Brief mit Kurier geschickt, in seiner schönen Handschrift, ganz fein und weitläufig, gar nicht die Schrift eines alten Mannes. Vielleicht lässt er schreiben? Er hat in der Brasserie den Tisch unter dem blauen Chagall reserviert.

Muss unbedingt vorher bei Trois Pommes vorbei und mir was Passendes an meinen Leib legen lassen. Bin ein bisschen mager im Moment, aber er wollte ja „slim“. Habe ein sehr edles Kleid im Auge, frühlings- und mädchenhaft. Von Moschino glaub ich. Prudence wollte Freitag mit mir ausgehen; die muss ich mir für diesen Abend vom Hals halten. Ich werde sie in das Schiff-Stück mit T.N.  schicken, da kann sie hinterher mit ihm ausgehen.

Als ich krank lag, hat an allen vier Tagen ein junger Mann beim Concierge seine Aufwartung gemacht und sich nach mir erkundigt.

Bin ein bisschen matt. Eigentlich zu traurig für ein so wichtiges Treffen. Müsste Bäderkur in E. machen.


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