G. ist zurück. Von R. ist gegangen. Am Samstag schon.
Heute morgen haben mich die Amseln geweckt. Sie haben gesungen, als würden sie mich auslachen. Fleur hat geschrieben, sie hat sich ein Kleidchen bestickt mit kleinen gelben Kücken und vielen Margeriten (!) und einem blauen Haus. Sie hat Krach mit Henri, weil sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat und will jetzt zu mir ziehen. Die Süsse. Bei mir ginge sie in eine schlechte Schule, la mala educacion... ist das nicht ein Film?
Von R. hinkt stark. Er hat ein Hüftleiden, eine Kriegsverletzung sagt er. Er hat eine hohe Stirn und eine feine Nase, volles, fast weisses Haar und trägt feinstes englisches Kaschmir. Massgeschneidert. Er hatte am Freitag eine Suite im Baur au Lac reserviert. Mit einer Limousine sind wir vorgefahren. Der Portier hat mich erkannt, aber dicht gehalten, ich bin ihm ewig dankbar.
Vor dem Himmelbett stand eine Spanische Wand. Er hat mich aufs Bett gesetzt und sich hinter die Spanische Wand zurückgezogen und mich gebeten, mich auszuziehen. Er bat mich, es langsam zu tun, Stück für Stück, von unten nach oben. Ich habe meine neuen Weitzmann-Stiefelchen langsam aufgeschnürt und von meinen Füssen gestreift. War, glaub, ein bisschen ungelenk. Er bat mich, dabei leise ein Lied zu summen. Mir fiel nur Abendstille überall ein; hat Maman mit uns gesungen. Er hat den Kanon angestimmt! Musste gleich wieder heulen. Dann habe ich versucht, den Reissverschluss von meinem Rock aufzuziehen. Die Bluse hat sich darin verhakt. Ich hab gezerrt und gerüttelt, j’étais ridicule! Schliesslich ist er aufgegangen (Loch in der fliederfarbenen Bluse) und ich habe ihn auf den Boden gleiten lassen. Schön sah er aus, wie er da so lag, der Rock, kamelbraunes Kaschmir mit einem violetten Innenfutter (von Etro). Ich wollte die Reste der Bluse aufknöpfen, aber er hat hinter der spanischen Wand in der Abendstillemelodie gesungen: e-erst die Strü-ü-mpfe, u-un-bedingt. Ich sollte die Strumpfhalter nicht lösen, sondern mit dem linken Zeigefinger unter den rechten Strumpf fahren und mit dem rechten Ringfinger - an dem mein Amethyst prangte - unter den linken Strumpf und dann langsam mit den Händen hinterher bis zu den Knöcheln. Hab ich gemacht: linker Strumpf kaputt - und ich, wie ein kleines Paket auf dem Bett mit gekreuzten Armen gefangen in meinen Strümpfen - klappe vornüber auf den flauschigen Teppich! Da lag ich dann, mein rechtes Jochbein brannte wie Feuer vom Kuss mit dem Teppich. Ich sah wahrscheinlich ein bisschen so aus, wie La Danaïde von Rodin. Mit Selbstfesselung. Dann bat er mich nicht mehr, sondern befahl mit sanfter Stimme, meine Augen zu schliessen. Ich gehorchte. Ich hörte, wie er hinter dem Paravant vorhinkte und sich über mich beugte. Mit einem nach Endymion von Penhalligon duftenden, leinenen Taschentuch verband er mir mit geübten Fingern die Augen. Dann hinkte er wieder hinter den Paravant und war minutenlang nicht zu vernehmen. Kein Atmen, kein Seufzer, nichts. Nach einer Ewigkeit hörte ich ihn wieder in meine Richtung hinken. Mit einiger Mühe begab er sich auf die Knie. Dann wieder Stille. Ich bekam am ganzen Leib Gänsehaut, als läge ich wie letzte Woche im Fieber, meine Nackenhaare stellten sich auf, Schweisströpfchen perlten auf meiner Oberlippe. Ich konnte nicht mehr orten, wo Tür und Bett und Fenster waren. Stille. Dann kaltes, hartes Metall auf meinem Steissbein, das mir der Wirbelsäule entlang bis hoch zum Nacken fuhr. Mich durchfuhr ein Schauer, dass mir die Zähne klapperten. Er zerschnitt mit einer Schere erst meinen String, dann meine Bluse. Mühelos haben sich die Klingen durch den Crêpe de Chine gegraben, sie müssen unglaublich scharf gewesen sein.

Bin müde. Morgen den Rest.
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